Yad Vashem - Gedanken über die Shoa und meine Identität

Youth Reporter in Israel
Julia Wendy / 22.11.2017
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Halle der Erinnerung in Yad Vashem

Drei wichtige Dinge habe ich heute gelernt. 1. Auch wenn man glaubt als Österreicherin top informiert über das Thema Holocaust (Juden/Jüdinnen verwenden das Wort Shoa) zu sein, es gibt immer noch Neues zu erfahren. 2.  Darum sollte man nie aufhören, sich damit zu beschäftigen 3. Meine Wimperntusche ist wirklich wasserfest.

Yad Vashem ist die größte Holocaustgedenkstätte der Welt. Ein Museum, dass es meiner Meinung nach auch in Österreich geben sollte. Das Children‘s Memorial erinnert an die vielen Kinder, die im Holocaust umgekommen sind. Die „Hall of Remembrance“ ist ein eindrucksvoller Raum, der oft im TV zu sehen ist oder für sonstige wichtige Anlässe genutzt wird. Es gibt einen riesigen Außenbereich, in dem für alle Leute, die Juden und Jüdinnen geholfen haben vor den Nazis zu fliehen, ein Baum gepflanzt ist. Viele Bäume. Doch noch viel, viel mehr Steintafeln im Gedenken an die ermordeten Jüdinnen und Juden.

Flammen der Erinnerung

Ein dunkler Raum mit vielen Kerzen und Spiegeln. Das Children‘s Memorial. Man schaut in die Flammen und bekommt unaufhörlich die Namen von Kindern vorgelesen, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, mit Alter und Nationalität. Jung, viel zu jung sind sie alle gewesen. Ich stelle mir Bilder zu den Namen vor, vielleicht kleine freche Blondschöpfe…oder doch Mädchen mit braunen Zöpfen? Wie die Kinder hinter den Namen wirklich ausgesehen haben werde ich wohl nie erfahren, aber ich weiß, dass es sie gegeben hat. Hier im Children Memorial lebt die Erinnerung an sie weiter.

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In der Hall of Remembrace brennt nicht nur eine kleine Kerze, hier ist es gleich ein Feuer, dass die etwas düster wirkende Halle erleuchtet. Auf dem grauen Boden finden sich Schriftzüge, die sich bei genauerem Hinsehen als die Namen von Konzentrationslagern entpuppen. Theresienstadt. Bergen-Belsen. Ausschwitz-Birkenau. Mauthausen. Letzteres brauche ich nur zu lesen und schon habe ich ein Bild vor Augen, die Todestreppe, die Gaskammer, das ganze Gelände, dass ich bei einem Besuch dorthin zu sehen bekommen habe. Mauthausen, das wenige Autostunden von meinem Heimatort entfernt liegt. Diesen Ortsnamen lese ich hier, in Israel.

Die „Täternation“

Das Hauptmuseum erinnert mich beim Betreten an einen Bunker. Betonwände, die nach oben hin spitz zulaufen. Die Räume sind in Schlangenlinien angeordnet. Schon beim Eintreten höre ich die israelische Nationalhymne, die mich schon beim Botschaftsempfang so berührt hat. Die melancholische Melodie weiterhin im Ohr, atme ich einmal tief durch und gehe weiter in den nächsten Ausstellungsraum.

Das ganze Museum ist ein geschichtlicher Überblick über den 2. Weltkrieg, vom Aufstieg des deutschen Reiches über die Blitzkriege, Propaganda, Konzentrationslager bis hin zur Befreiung und dem Ende des Krieges. Geschichtliche Fakten, die ich schon so oft gehört und gelernt und dementsprechend verinnerlicht habe. Und doch kommen sie mir neu, fast fremd vor. Die Perspektive ist eine andere, stelle ich fest. Overall, of the half a million Jews who had been living in Germany when Hitler took power, about 300,000 managed to emigrate before the “Final Solution of the Jewish Question” began.” Die Informationen sind größtenteils dieselben wie im Geschichteunterricht, dennoch empfinde ich es komisch, das Ganze auf einmal auf Englisch und aus internationaler Perspektive zu erfahren.

Österreich. Wenn man es nüchtern betrachtet, gehöre ich einer Täternation des 2. Weltkrieges und damit des Holocaust an. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf gehe ich durch die Ausstellung. Das Wort Austria lese ich nirgends, immer ist von „The Germans“, „The German Reich“, oder „The Nazis“ die Rede. Österreich, zu dieser Zeit als Staat nicht existent, danach in der Opferrolle. Ein Gefühl der Schuld beschleicht mich. Gleichzeitig ärgert es mich, dass ich Schuld empfinde, wofür ich eigentlich nichts kann. Warum fühle ich mich schuldig, weil die Generation meiner Ur-Großväter schreckliche Verbrechen begangen hat, die ich aufs Schärfste verurteile? Wieso habe ich das Bedürfnis mich dafür rechtfertigen zu müssen? Ich kann nichts dafür. Trotzdem, das unangenehme Gefühl bleibt.

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In den Glasvitrinen ist eine Hakenkreuzfahne ausgestellt, an der Wand hängen Plakate und Verordnungen der Nationalsozialisten. Diesmal brauche ich die englischen Hinweisschilder nicht, ich kann alles auf Deutsch lesen. Dass ein Ghetto per Verordnung verkleinert wurde, und allen Jüdinnen und Juden, die sich noch ab 7 Uhr noch außerhalb eines bestimmten Bereichs aufhalte, die Todesstrafe droht, steht auf dem Dokument. Daneben hängt eine detaillierte Aufschlüsselung in Kurrentschrift wie die Nazis die Begriffe Jude, Halbjude bzw. Mischling ersten und zweiten Grades definierten, in Zusammenhang damit, wer BürgerIn des deutschen Reiches werden konnte. Menschen, eingeteilt in Rassen. Von Menschlichkeit ist da nichts zu bemerken.

Aus dem nächsten Ausstellungsraum dringt Lärm. Videos werden abgespielt, ich höre Triumphmärsche, marschierende Soldaten, eine schnarrende Stimme. Eine Stimme, die ich nach sechs Jahren Geschichteunterricht schon von Weitem nur zu gut zuordnen kann. Adolf Hitler. Nein, ich möchte gar nicht wissen, was er sagt, ich will die Videos nicht sehen. Österreich. Hitlers Heimat. Meine Heimat. Verdammte österreichische Identität. Einen Moment lang möchte ich nur weg, hinaus aus dieser Ausstellung. Das Schuldgefühl, das ich vorher etwas verdrängt habe, trifft mich mit voller Kraft wieder. Hey, du kannst nichts dafür in welchem Land du geboren bist, versuche ich mir zu sagen. Es hilft nichts. Ich gehe schnell an den Bildschirmen vorbei, erhasche nur einen kurzen Blick auf eine Prozession mit Hakenkreuzfahnen.

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Tränen

Obwohl ich die Infotafel gerade zum dritten Mal lese, weiß ich immer noch nicht worum es geht. Zu sehr schweifen meine Gedanken ab. Ich versuche mich zu konzentrieren, die Information erscheint mir interessant und wichtig. In meinen Kopf schafft sie es trotzdem nicht. Deutsch, nicht mehr Englisch. Ein Brief liegt in der Vitrine vor mir. Er ist an die deutschen Soldaten gerichtet, ein Aufruf zum Kampf. Unterzeichnet von Hitler höchstpersönlich. Dem Datum des Dokuments entnehme ich, dass der Krieg zu diesem Zeitpunkt längst entschieden war, der Kampf sinnlos. Ich überlege, ob sich die Empfänger des Briefes dessen bewusst waren, oder ob sie, beeinflusst durch die Propaganda und die Zeilen dieses Dokuments, vom Sieg überzeugt waren?

Videos. Schon wieder. Eine Holocaustüberlebende erzählt von ihren Erlebnissen im KZ. Von der Ankunft und der Hoffnung, die Verwandten am Wochenende wieder zu sehen… über die zahlreichen Herabwürdigungen…bis hin zum Erschießungskommando. Alle paar Sätze hält sie inne, atmet durch, wischt sich manchmal Tränen aus dem Gesicht. Sie hatte das Glück zu überleben, weil sie bei einer Massenerschießung verfehlt worden war. Die detaillierte Beschreibung dessen ist zu viel für mich, schon wieder wünsche ich mich an einen anderen Ort, ganz weit weg. Doch das Video fesselt mich, als würden meine Augen am Bildschirm festkleben. Nun spricht ein Zeitzeuge, der das gleiche Schicksal durchmachte wie seine Vorrednerin. Sechzehn oder siebzehn Jahre ist er alt gewesen. Ebenfalls nach dem Erschießungskommando lebend im Massengrab gelandet.

Endlich, der Bildschirm wird schwarz. Ich wende meinen Blick davon ab, genau in diesem Moment schießen mir die Tränen in die Augen. Meine Gedanken drehen sich, eine neue Gefühlswelle überrollt mich. Warum? Die altbekannte Frage. Warum Holocaust, warum Weltkrieg, warum so viel unnötiges Leid? Das Weinen tut gut, der Kloß an Schuldgefühlen in mir löst sich langsam. Ich schäme mich nicht für die Tränen, denn auch um mich herum nehme ich vereinzelt Schluchzer wahr. Niemand blickt mir direkt in die Augen, das alles lässt keinen der BesucherInnen kalt.

…otherwise, i would cry endlessly

Den Rest der Ausstellung nehme ich wie in Trance wahr. Es geht jetzt um den Zerfalls des Dritten Reiches, die Befreiung der Konzentrationslager und die verzweifelten und leider erfolgreichen Versuche der Nazis, die Gaskammern in den letzten Kriegstagen auf Hochtouren laufen zu lassen. Immer wieder kommen ZeitzeugInnen in Videos zu Wort, ihre Geschichten sind so ähnlich, aber doch jede auf ihre eigene Art und Weise ergreifend. „People often ask me how i can smile“, erzählt ein Überlebender. „The answer is, knowing how to smile saved me. Because otherwise, I would cry endlessly.“ Ich verspüre riesengroße Bewunderung für den alten Mann mit weißem Bart und Kippa, der passend zu seinem Zitat auch noch lächelt. Ich frage mich, wie viel Zeit, Überwindung und Vergebung wohl nötig war, um dieses befreite Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

Die letzten Räume, die letzten Tage des Krieges. Konzentrationslager. Riesengroß ist das Video auf einer Leinwand zu sehen. Massengräber, beschildert mit Tag und Zahl der Toten. Dann ein Bagger, der eine weiße Masse vor sich herschiebt. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich Körper, viele abgemagerte Körper. Die Bilder brennen sich in meinen Kopf ein. Trotz der Widerwärtigkeit der Aufnahmen und des fassungslosen Entsetzens, das sich langsam in mir breit macht, kann ich nicht wegsehen. Am Ende des Videos merke ich, dass ich sogar die Luft angehalten habe. So, jetzt reicht es, ich muss hinaus an die frische Luft, habe das dringende Bedürfnis eine Weile allein zu sein und das Gesehene zu verarbeiten.

Dementsprechend schnell durchquere ich den abschließenden Raum, nur ein einziges Mal bleibt mein Blick noch hängen. Denn die Ausstellung endet wie sie begonnen hat, mit einer Aufnahme der Nationalhymne, gesungen von Schulkindern. Die Melodie voller Schwermut, aber auch Stolz und Hoffnung wird mich noch den ganzen restlichen Tag als Ohrwurm begleiten.

Identität

Der Besuch in Yad Vashem war eine emotionale und schwierige, aber doch wichtige Erfahrung. Soviel man auch in der Schule über den 2. Weltkrieg und all seine Schrecken lernt, dass alles hier, in Israel zu erfahren ist etwas ganz anderes. Israel, das Land das unter anderem aufgrund des Holocausts entstand. Vorgeworfen hat mir das hier keiner, bei unseren zahlreichen Straßenumfragen assoziierte niemand Österreich mit dem Nationalsozialismus. Trotzdem, der Gedanke der „Täternation“ lässt mich nicht los. Ich weiß, die Schuldgefühle sind unangebracht und falsch. Ich bin 60 Jahre nach Ausbruch des Krieges geboren, wie könnte ich Verantwortung für die damaligen Verbrechen übernehmen? Aber ich lebe jetzt. In einem Land, das zweifelsohne gerade einen Rechtsruck erlebt. Und ich habe Verantwortung. Die Verantwortung, dass solche Gräuel nie, nie wieder passieren. Und die haben wir alle. Da reicht es nicht zu sagen, dass wir eh wissen, dass alles schrecklich war, alles falsch war. Wir müssen einsehen, dass sich die Geschichte wiederholen kann, wenn wir nicht daraus lernen. Und dass es an uns, in unserer Verantwortung liegt, dass sich genau diese Geschichte nicht wiederholt.

Never again.

Weiterführende Informationen über Yad Vashem gibt es auf der offiziellen Website.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 14.08.2020 bearbeitet.

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