Zeit für große Momente: Mit Lora Ziller bei der Karate-WM

Leben
Lisa Alzner / 12.02.2018
Lora Ziller in Action

„Alle sagen immer, dein Moment wird kommen, aber dein Moment kann auch heute sein! Und warum soll er nicht heute sein?“, als die Karatekarin Lora Ziller vergangenen Oktober in einer Halle in Teneriffa stand und diese Worte hörte, hatte sie noch keine Ahnung, was die nächsten Stunden für sie bereithielten. „Mein Moment kann auch heute sein.“

Die 18-jährige Lora Ziller aus Adnet in Salzburg betreibt seit 11 Jahren Karate. Ihre große Leidenschaft für sich entdeckt hat sie bei „Jugend zum Sport“, einem Projekt in Rif, bei dem Kindern in den Sommerferien die Möglichkeit geboten wird, die verschiedensten Sportarten auszuprobieren. „Am Anfang habe ich mich durch die Klassiker wie Kinderturnen durchprobiert, aber das war alles nicht so richtig meins. Karate war dann ganz anders. Es ist nicht mit so viel Körperkontakt verbunden wie zum Beispiel Judo, aber es ist trotzdem ein Kampfsport, worüber auch meine Eltern froh waren“, erklärt Lora im Interview: „Ich habe dann ein Probetraining gemacht und bin dabei geblieben, bis heute.“

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Im Laufe ihrer bisherigen Karriere hat die 18-jährige verschiedene Vereine in Salzburg durchlaufen, bis sie schließlich im März 2016 nach Linz gewechselt ist, wo sie momentan auch die Leistungssportklasse des BORG Linz besucht. Fast jeden Tag stehen für die Karatekarin zwei Trainingseinheiten am Programm, eine am Vormittag und die andere am Abend. Dazwischen geht sie zur Schule. Neben den vielen sportlichen Herausforderungen kommt im Frühjahr 2018 auch die Matura auf Lora zu.  Um das alles unter einen Hut zu bringen bedarf es eine gute Organisation, erklärt die Sportlerin: „Wenn beides intensiv wird und wir vielleicht ein paar Wochen wegen Trainingslagern gefehlt haben, kann es schon einmal schwierig werden. Es beeinflusst sich aber nicht komplett, wenn man dahinter ist, ist alles zu schaffen.“

Dass wirklich alles zu schaffen ist, hat Lora bei der Nachwuchs-Karate-Weltmeisterschaft vom 25.10. bis 29.10. 2017 auf Teneriffa bewiesen. Bereits eine Woche vor dem entscheidenden Wettkampftag ist sie, gemeinsam mit dem gesamten österreichischen Team angereist, um optimal zu akklimatisieren und die Abschlusstrainings für den letzten Feinschliff zu nutzen. Am Mittwoch dieser Woche fand schließlich die Abwaage statt, für Lora der heimliche Beginn jedes Turniers: „Bei der Abwaage siehst du zum ersten Mal alle deine Gegnerinnen, wobei du die meisten eh schon von vergangenen Wettkämpfen kennst. Es ist total witzig, manche begrüßen dich richtig herzlich, andere bleiben eher auf Distanz, aber alle wissen, jetzt geht’s bald los.“

Für Lora hieß es allerdings noch Geduld haben und vor allem Nerven bewahren, denn sie war in ihrer Alters-und Gewichtsklasse erst am allerletzten Tag der Weltmeisterschaft an der Reihe. „So lange warten zu müssen, ist schon nervenaufreibend. Man ist ja trotzdem jeden Tag in der Halle und fiebert mit den anderen Österreichern und Österreicherinnen mit, die diesmal auch sehr erfolgreich waren“, schildert die Salzburgerin, „man freut sich extrem mit ihnen und trotzdem hat man immer im Hinterkopf, dass man selbst erst ganz zum Schluss an der Reihe ist. Eindeutig zu viel Zeit zum Nachdenken.“

Doch auch diese Zeit ging vorüber und so war er da. Tag X für Lora. Da sie erst letzten Sommer in die U21 aufgestiegen war und somit zu einer der Jüngsten in ihrer Kategorie zählte, startete sie eher als Underdog mit relativ niedrigen Erwartungen ins Turnier. „Der Tag war irgendwie von Anfang an besonders. Normalerweise bin ich schon beim Frühstück eher nervös, aber diesmal war es einfach pure Freude aufs Kämpfen. Das beste Gefühl, das man vor einem wichtigen Wettkampf haben kann“, strahlt die Sportlerin, „Die Erwartungen waren niedrig und ich war wirklich ruhig.“

Mit der Ankunft in der Halle wurde das Kribbeln dann schon mehr. Die Auslosung stand fest. Die erste Gegnerin kam aus Frankreich, einer starken Nation, taktisch schwierig zu kämpfen. Als es ernst wurde, holten Loras Trainer sie zur Seite: „Du hast das Zeug, dass du heute weit kommst! Du bist nicht schlechter als die anderen. Alle sagen immer, dein Moment wird kommen, aber vergiss nicht, dein Moment kann auch heute sein! Warum soll er nicht heute sein?“

„Mein Moment kann heute sein“, dieser Satz geisterte in Loras Kopf während sie den gewohnten Aufwärmablauf durchlief. Doch plötzlich, Planänderung. Der erste Kampf wird auf einer anderen Matte ausgetragen. Früher als geplant. Vollstress. Panik. Schnell noch ein paar Techniken an einer Teamkollegin einschlagend, wird Lora auch schon aufgerufen. Noch lang nicht fertig aufgewärmt, aber jetzt geht‘s los. Rein und kämpfen. Keine Zeit zum nervös Werden. Keine Zeit zum Nachdenken. Hinstellen und einfach kämpfen. 4:0 Sieg.

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In Runde zwei wartete eine Serbin. Generell dauern die Kämpfe im Karate nur 2 Minuten und in Loras Fall lag jeweils nur ein anderer Kampf zwischen ihren Kämpfen. Also wieder keine Zeit. Es lief nicht, es sprintete. 1:0 Sieg. Und gleich weiter. Runde 3 gegen eine Aserbaidschanerin, die als eine Topfavoritin für die Medaillenränge galt. „Ich kann mir bis heute nicht erklären, was in diesem Kampf los war. Ich war der Underdog, sie die Favoritin. Ich hab einfach gekämpft und war so im Flow, ich hab nicht gewusst, was ich mach, ich hab nicht gewusst, was passiert,“ erinnert sich Lora mit leuchtenden Augen, „Auf einmal war die Kampfzeit um und ich hatte 6:0 gewonnen. Ich habe mindestens dreimal auf die Anzeigetafel geschaut, weil ich es einfach nicht glauben konnte. Ich war unter den Top 5 der Welt!“

Als sie die Matte verließ, griff sie sich schon nur mehr mit beiden Händen auf den Kopf. Sie stand im Halbfinale. Ihr persönlicher Knackpunkt, die dritte Runde, in der sie bei den letzten beiden Europameisterschaften und bei der letzten Weltmeisterschaft ausgeschieden war, war überwunden. Ihr fiel ein Stein von Herzen. Das erste Mal hatte sie zwischen den Kämpfen Zeit zum Realisieren. Sie stand im Halbfinale nach dem Motto: „Was jetzt noch kommt, ist Draufgabe.“

Aber warum nicht auch bis ins Finale kommen? Im Halbfinale wartete eine Iranerin, die als Asian Champion zu den Topfavoritinnen zählte und vor allem für ihre super Fußtechniken bekannt ist. Beim Karate bringt eine Fußtechnik 2 oder 3 Punkte, was in einem Kampf, der nur 2 Minuten dauert, sehr viel entscheiden kann. Loras Devise lautete also ganz klar: „Nur keinen Fuß kassieren.“ Da stand sie also im Halbfinale der U21-WM. „Nur keinen Fuß kassieren“ Es ging los. Lora kämpfte eher passiv, die Gegnerin kam entgegen. Die erste Fausttechnik zum Kopf. 1:0 Lora. „Oh Gott, jetzt bin ich vorne! Das kann’s nicht sein!“ Der Blick auf die Uhr. Noch 1:45 zu kämpfen. Weiter geht’s. 3 Sekunden später, 2:0 Lora. Wieder der Blick auf die Uhr. Noch 1:42 zu kämpfen. „Ok Lora, einfach keinen Fuß kassieren!“ Wie sie die verbleibende Zeit rübergebracht hat, kann sich die 18-jährige bis heute nicht erklären: „Ich habe nichts mehr wahrgenommen. Mein Team hat anscheinend voll laut geschrien, das hört man auf dem Video, aber für mich gab es nur die Gegnerin, meinen Trainer und mich. Und die Uhr, ich habe bei jeder Unterbrechung auf die Uhr geschaut. Noch nie in meinem Leben waren 2 Minuten so lang!“

Schließlich war es geschafft. Lora stand im Finale. Schon am Weg zur Ausgangsposition um abzugrüßen, kullerten ihr die Tränen die Wangen herunter. Momente, in denen man nichts fühlt, weil man so viel fühlt. Momente, die man nicht in Worte fassen kann.  „Dann bin ich raus und hab einfach nur geweint. Alle sind gekommen und haben mich umarmt. Meine Kolleginnen, meine Eltern, meine Trainer. Und ich hab einfach nicht mehr gewusst, wo vorne und hinten ist. Ich hab nicht gewusst, was da gerade passiert ist.“

Im Finale musste sich die junge Karatekarin jedoch gegen eine Japanerin mit 0:3 geschlagen geben. Es war mit Abstand Loras schwächster Kampf in diesem Turnier. „Die Luft und die Emotionen waren einfach schon ein bisschen raus und ich war schon so zufrieden. Außerdem kämpfen bei den Finalkämpfen nicht mehr sechs Matten parallel, sondern alle schauen auf die eine Matte und der Kampf wird in 50 Ländern im Fernsehen übertragen“, erklärt die 18-jährige im Interview, „ich war noch nie in so einer Situation und habe mich einfach zu viel beeindrucken lassen.“

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Lora Ziller kann sich U21- Vizeweltmeisterin nennen. „Bei der Siegerehrung habe ich mich so zusammenreißen müssen, dass ich nicht schon wieder anfange zu weinen. Mein Team hat wieder so lauf geschrien, diesmal habe ich sie aber gehört“, strahlt die Sportlerin, „als ich am nächsten Tag aufgewacht bin, habe ich mir gedacht, ich habe das alles nur geträumt und um ehrlich zu sein, habe ich diese ganzen Ereignisse bis heute nicht ganz realisiert!“ Eines wird Lora jedoch ihr ganzes Leben nicht mehr vergessen, was es bedeutet, wenn dein Moment heute ist.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 04.12.2019 bearbeitet.

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