Loquor ergo sum – Ich spreche, also bin ich

Leben
Lena Hinterhölzl / 07.10.2019
Statue, zuhörend

„Lasst uns ehrlich und ohne Angst zuhören und ehrlich und ohne Angst erzählen. Alles was wir riskieren ist Veränderung.“ Mich hat dieser Satz, den eine liebe Freundin von mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt hat, sehr berührt, weil er gleich mehrere Bereiche anspricht, die mir sehr wichtig sind: Das Zuhören, das Erzählen, Risiko und Veränderung. Und er vereint sie alle in einem Kontext, der unser aller Leben enorm prägt. Im Kontext der Sprache.

Es gibt keinen Moment, in dem Sprache mir nicht allgegenwärtig ist. Ich kommuniziere pausenlos, selbst dann, wenn ich mir einbilde, vom Kommunizieren eine Pause zu brauchen. Und selbst wenn ich sie aktiv nicht gebrauche, meine Sprache, dann ist sie in meinem Kopf, in meinem Denken, in meinem Handeln. Es gibt das Zitat „Ich denke, also bin ich“. Ich sage vielmehr „Ich spreche, also bin ich“.

Sprache hat so viele Seiten, so viele Möglichkeiten, ein unendliches Potential. Ich spreche ein Wort, ob überlegt oder unüberlegt und trete eine Welle los. Eine Schaukeln an Reaktionen, Emotionen, möglicherweise Konflikten. Und dabei sitze ich selbst in einem Boot ohne Motor oder Ruder und kann nichts steuern. Der Wind in meinen Segeln ist meine Sprache, nur mit ihr kann ich wieder gut machen, was ich vielleicht zerstört habe, nur durch sie kann ich vorwärtskommen. Verschließe ich mich der Sprache – nämlich nicht nur der im Sinne des gesprochenen Wortes, sondern auch der intuitiven Kommunikation – dann stehe ich still auf einem riesigen Meer und ich komme nicht vom Fleck.

Sprache ist in gewisser Weise Waffe, aber auch Verteidigung. Sie ist Instrument für mein Handeln, für mein Denken. Ich will teilen, was in mir steckt, wofür ich stehe. Wie ginge das ohne Sprache? Ich kann sie für meine Zwecke adaptieren, im guten wie im schlechten Sinne. Und selbst wenn Sprache missbraucht wird, wenn sie für kriegerische, diktatorische und xenophobe Zwecke beschmutzt wird – so bleibt sie doch der Kern unseres friedlichen Zusammenlebens, unserer demokratischen Gesellschaft.

Wollte ich Sprache personifizieren, durch einen Menschen darstellen, dann wäre sie meine beste Freundin. Ein durch und durch guter Mensch, in ihrem Wesen liebevoll und ehrlich und niemals in böser Absicht. Sie wäre in ihrer Offenheit fast schon naiv, weshalb sie sich an jeden wenden würde, egal welche Absicht er hätte. Denn sie sähe in jedem und jeder nur das Gute. Sie würde niemanden ausschließen, sondern versuchen, alle zu inkludieren. Maximal sind wir es, die sich selbst ausschließen, wenn wir uns dieser unserer Freundin verweigern, wenn wir ihre ausgestreckte Hand nicht sehen wollen.

Lasst uns Sprache als den Weg sehen, den wir gehen können, um uns näher zu kommen. Als Möglichkeit, diese Welt zu gestalten, zu formen, zu prägen. Nehmen wir uns in unserem Sprechen wieder wahr, nehmen wir uns ernst. Und hören wir uns zu. Ehrlich und ohne jegliches Vorurteil. Denn alles was wir riskieren, ist Veränderung.

 

 

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 25.05.2022 bearbeitet.

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