Oden an die Frau: Wie Großkonzerne den Feminismus für sich nützen

Leben
Sarah Emminger / 11.03.2019
Frauenmarsch

Es ist nicht richtig. Das dachte ich am 8. März, dem Weltfrauentag. Nicht falsch verstehen, ich bin definitiv für Gleichberechtigung. Ich bin für gleiche Bezahlung, gleiche Anerkennung, gleich viel Mitspracherecht, sowie gegen Geschlechterklischees, unfaire Behandlung und Sexismus. Und in den letzten Jahren war ich auch immer eine von den jungen Frauen, die den 8. März mögen. Es war ein Tag, an dem ich dankbar war. An dem ich mich freute, heute zu leben und nicht zwei Generationen davor. Schließlich sollten wir uns ja glücklich schätzen, schon so viel zu dürfen. Das ist immer wieder zu hören. Ja, ich bin froh, dass ich wählen gehen, arbeiten und unabhängig sein kann. Aber hätte das denn nicht schon immer selbstverständlich sein sollen? Und wem war ich eigentlich dankbar? Den Männern? Wahrscheinlich eher den Frauenbewegungen, ohne die unsere Gesellschaft viele Schritte der Emanzipation nicht gemacht hätte. Nur waren es noch nicht alle, die Liste ist lang.

Ich will hier auch gar nicht all die spezifischen Situationen der Ungleichberechtigung aufzählen. Zum einen, weil der Artikel dann eine Lesezeit in der Dauer von mehreren Stunden hätte. Zum anderen, weil wir den Sexismus ohnehin alle spüren können. Er versteckt sich im Alltag und teilt immer mal wieder gern einen Dämpfer aus. Es gibt ihn im Beruf, in der Schule, auf der Straße, in der Politik und im Freundeskreis oder der Familie, oft kommt er auch von den Frauen selbst. Er ist allgegenwärtig.

Dass es vor allem in der Geschäftsleitung von Konzernen nicht immer gleichberechtigt zugeht, ist wohl halbwegs bekannt. Noch immer sind die Führungspositionen der meisten Firmen überwiegend männlich besetzt. Das ist jetzt einfach ein Fakt. Aber am Weltfrauentag schien das gar nicht so zu sein. Gefühlt jeder zweite Konzern hat sich auf den sozialen Netzwerken als gendergerecht ‚geoutet‘. Auf einmal zeigten sie alle her, dass sie auch Frauen angestellt haben und das sogar - wer hätte es gedacht - eine gute Idee war! Die berührenden Videos, bestärkenden Interviews und kämpferischen Bilder von Frauen, die es zu etwas gebracht haben, sollen uns ein gutes Gefühl geben. Und es ist ja auch nicht schlecht, Mut zugesprochen zu bekommen. Aber ich habe mich gefragt, ob all diese Lobgesänge an berufstätige Frauen wirklich der Emanzipation wegen gemacht werden. Ob nicht eigentlich ein anderer Zweck dahinter steckt, was mir nach langer Recherche immer wahrscheinlicher vorkommt. Vielen großen Firmen geht es nicht wirklich um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, so lange die Einnahmen passen. Was kann diese steigern? Ein gutes, offenes Image. Deshalb wurden manchmal aus beispielsweise 40 Leuten im Topmanagement die einzigen vier Frauen herausgenommen und so inszeniert, als wären es viel mehr. Das ist weder ein feministischer Akt, noch richtig. Es ist Werbung, die aber den Feministen und Feministinnen die Vorstellung geben soll, dass sie von den Konzernen unterstützt werden, obwohl sie doch in Wahrheit Mitschuld am Problem haben. Die Motivation ist einfach die falsche.

Insofern bin ich mir nicht mehr so sicher, was ich vom Weltfrauentag halten soll. Er wurde heuer sehr stark ausgeschlachtet und war ein großes Thema in den Medien. Vielleicht wird den Leuten die Ungerechtigkeit dadurch ein wenig bewusster. Schade ist aber die Scheinheiligkeit mancher Menschen, sowie die Tatsache, dass viele nur für einen Tag zum Feministen oder zur Feministin werden und am nächsten dann den Alltagssexismus wieder hinnehmen.

Ich glaube jedoch auch, dass eine Wende in Sicht sein könnte. Das Bild vom Feminismus ist zwar ein verzerrtes, aber präsentes. Weltweit beginnt man zu verstehen, dass Sexismus nicht der richtige Weg ist. Natürlich sind auch konservative Wertevorstellungen noch immer vorhanden. Vor kurzem habe ich mit meiner Oma über meine Zukunft gesprochen. Über meine Berufspläne und dann auch über das Gehalt, das ich mir dafür erwarte. Ich nannte ihr eine eigentlich ganz realistische Summe. Darauf bekam ich die Antwort: Ja, das ist eh extrem gut, für eine Frau! Für eine Frau? Was sollte das jetzt heißen? Wir kamen in eine hitzige Diskussion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und kurz war ich auch ziemlich wütend auf sie, weil diese Aussage meiner Ansicht nach alles zu Boden warf, wofür man doch jahrelang gekämpft hat. Und dann ist mir klar geworden, dass es ja nicht ihre Schuld ist. Dass sie es ja nicht anders gelernt hat. Dass sie es so eingetrichtert bekommen hat.

Heute geht es darum, Denkmuster aufzubrechen. Feminist oder Feministin zu sein, ist keine Schande. Wir dürfen uns weder von gewinnfokussierten Unternehmen einlullen lassen, noch der Bestie nur einen einzigen Tag ins Auge sehen. Jeder Tag ist ein potentieller Tag für Veränderung, wenn wir die Chance nützen.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 11.12.2019 bearbeitet.

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