100 Meter vor Tokio

Engagement
Sharon Muska / 29.08.2016
Laufbahn

Als sie Chukwuma Nnamdi Liegestütz machen sah, ahnte sie wohl noch nicht, welches Talent in ihm schlummerte. Trotzdem war seine Sportlehrerin begeistert von der Athletik des damals 13-Jährigen – und empfahl ihm, den Schritt in die Leichtathletik zu wagen. „In der U14 macht man noch alles mit. Aber mein Talent war im Sprint“, so Nnamdi, der sich rasch auf die 60- und 100 Meter Distanz spezialisierte. Eine gute Entscheidung, wie sich spätestens in diesem Jahr herausstellen sollte: Souverän räumte der 17-jährige Wiener die U18-Staatsmeistertitel auf seinen beiden Lieblingsstrecken ab, bei den Staatsmeisterschaften der allgemeinen Klasse kam noch Gold mit der 4x100 Meter Staffel dazu. „Ich brauche den Druck. Wenn die Wettkämpfe anstehen, freue ich mich auf die richtigen Gegner, das pusht mich“, berichtet das Ausnahmetalent über das Geheimnis seines Erfolges.

 

 

Chukwuma Nnamdi startet für den ULC Mödling, einer beliebten Adresse für erfolgreiche heimische LeichtathletInnen. Wenn er gerade keinen Sport betreibt, fotografiert er oder beschäftigt sich mit Mode. Er trainiert drei Mal pro Woche, stimmt sich darauf stets mit seiner Lieblingsmusik – meistens Hip-Hop - ein. „Bei jedem Training achte ich darauf, meinen Körper auszupowern.“ Ein Trainingstag besteht im Normalfall nach dem Aufwärmen aus Startübungen, ehe die Sprints selbst geprobt werden. Vor Wettkämpfen wird ein Gang zurückgeschalten, um Kräfte zu sparen, der Fokus liegt hier auf den Details – etwa dem richtigen Start oder einer korrekten Lauftechnik. Dass man für seine Mühen aber nicht immer belohnt wird, musste Nnamdi erst diesen Juli bei der U18-Europameisterschaft in Tiflis feststellen – er erwischte keinen guten Tag und blieb eine knappe halbe Sekunde über seiner 100 Meter Bestmarke von 10,94 Sekunden. Wie der 17-Jährige damit umgeht? „Es ist halt passiert. Nach so einem Lauf muss man refokussieren und sich auf den nächsten Wettkampf konzentrieren. Es bringt nichts, andauernd zurückzublicken, es ist Athleten schon viel Schlimmeres widerfahren.“

 

So auch Nnamdi selbst, als er 2014 aufgrund einer Oberschenkelverletzung ein Jahr pausieren musste. Gerade von der U16 aufgestiegen, war der Sprung von zwei- auf fünfmaliges Training pro Woche seinem Körper zu viel. „Ich bin eigentlich stets sehr motiviert. Aber wenn du ein Jahr nicht an deine Bestleistungen herankommst und andauernd verletzt bist – das ist schon hart“, sagt der zweifache Staatsmeister. Mittlerweile ist er aber wieder topfit, von den Verletzungen ist nichts mehr zu spüren. An Doping, ein aktuell in den Medien viel beachtetes Thema, hat Nnamdi noch nie einen Gedanken verschwendet, auch nach seiner Verletzungspause nicht: „Das ist das Schlimmste, was du machen kannst. Und wenn du in der Jugend dopst, machst du dir noch mehr vor, als wenn du ohnehin schon in der Elite mitläufst – denn dann würdest du es ohne Hilfe nicht mal dorthin schaffen.“ Förderlich ist für ihn viel eher der Blick auf sein Vorbild, den Weltrekordhalter über die 100 Meter, Usain Bolt. Aber die Nachwuchshoffnung blickt auch über den Tellerrand, zählt Athleten aus verschiedenen Sportarten zu seinen Idolen: „Meine Vorbilder sind Leute, die darauf fokussiert sind, zu gewinnen, selbst wenn sie unter Druck stehen oder gesagt bekommen, dass sie es nicht schaffen“, findet Nnamdi hier klare Worte.

 

 

Eine deutliche Meinung hat Chukwuma Nnamdi auch zu den Förderungen der Leichtathletik seitens des Staats. „Leichtathletik hat nicht den Stand, den zum Beispiel Fußball hat. Es gibt richtig schnelle Leute hier, Österreich könnte bei entsprechenden Förderungen ein viel höheres Niveau erreichen.“ Als Exempel für gelungene Unterstützung bringt er Jamaika ins Spiel, ein Land, in dem nur knapp drei Millionen Menschen leben – und dem trotzdem reihenweise die schnellsten Sprinter der Welt entspringen. Hierzulande hat Nnamdi erst vor wenigen Monaten von einer Förderung Wind bekommen. „Du bekommst dann einiges erstattet, wenn die Leistungen stimmen“, Staatsmeisterniveau ist allerdings vorausgesetzt. Um die Sportart für junge Leute in Österreich attraktiver zu machen, hat der Sprinter einige Vorstellungen: „Einerseits muss die Idee Leichtathletik für junge Leute cool werden, es braucht Vorbilder. Andererseits sollte der Staat auch mehr Geld dafür ausgeben – und etwa Trainer und Athleten besser bezahlen.“ Sophie Karmasin, Bundesministerin für Familie und Jugend, hält die Förderungen im Spitzensport für ausreichend, den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere sieht sie aber schon früher: „Wichtig ist, schon als Kind die Liebe zur Bewegung nicht zu verlieren, oder sie überhaupt erst zu erwecken. Bewegung und Sport muss früh als positiv angesehen werden.“

 

Positiv ist sein Verhältnis zur Leichtathletik schon lange – bald sollen sich für Nnamdi auch noch größere Erfolge einstellen. „Ab nächstem Jahr will ich zu den fünf besten Sprintern Österreichs gehören“, so der U18 Staatsmeister, der baldige Sprung in die U20-Wettkämpfe soll dabei helfen. Natürlich zählen aber auch größere Ziele zu den Plänen des 17-Jährigen: „Das größte Ziel für jeden Sportler sind wohl die Olympischen Spiele. 2020, bei den Spielen in Tokio, wäre ich 21 – das ist schon ein gutes Alter.“ Chukwuma Nnamdi weiß allerdings, dass er hart dafür arbeiten muss, eine Steigerung der wöchentlichen Trainingstage scheint nur eine Frage der Zeit, steht aber nicht im Vordergrund. Verbesserungspotenzial gibt es vor allem in der Lauftechnik, auch an der körperlichen Balance kann noch geschraubt werden. „Wenn ich das schaffe, kann ich starke Zeiten laufen“, ist Nnamdi überzeugt. Seine persönliche Bestleistung über 100 Meter hat er in diesem Jahr schon um fast eine Sekunde verbessert. Hält er ein ähnliches Tempo, ist Großes von ihm zu erwarten. Und schon ist Tokio nur mehr 100 Meter entfernt.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 09.12.2019 bearbeitet.

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