And the Winner is… - Weshalb wir mit dem zweiten Platz nicht mehr zufrieden sind

Leben
Lena Hinterhölzl / 16.01.2020
Mädchen sitzt vorm Laptop und kaut auf einem Bleistift rum

Laut Landeshauptmann Thomas Stelzer und dem Land Oberösterreich, gehöre ich jetzt zu den besten meines Bundeslandes. Zumindest steht das auf einer 20x15cm großen Glasplatte, die mir und rund hundert anderen Maturant*innen bei einer offiziellen Ehrung der Ausgezeichneten Maturant*innen im Landhaus Linz überreicht wurde.

Das Event war durchaus nett organisiert. Es gab Musik, ein paar Reden, zwischendurch sorgte ein Clown für kuriose Zwischenrufe, darauffolgend die Verleihung und danach ein kaltes Buffet. Und dennoch saß ich zwischen hunderten Absolvent*innen verschiedenster Oberstufentypen und hätte am liebsten einfach nur laut geschrien. Denn von diesem Nachmittag zuletzt wirklich hängen blieb bei mir nur eines: Wir versumpern immer mehr im Wettkampf um den ersten Platz.

Dass ein Zweier auf eine Prüfung nicht mehr gut genug ist, wird vielen Schüler*innen bereits im Volksschulalter eingetrichtert. Ich selbst erinnere mich noch gut an einen ehemaligen Schulkollegen, der bei jedem Dreier, den er zurückbekam, hemmungslos zu weinen anfing, aus Angst vor den Schlägen seiner Mutter, die ihn laut eigenen Angaben Zuhause erwarteten. Und nein, ich bin nicht zu Zeiten des Rohrstöckchens in die Schule gegangen.

Allein die Diskussion über die Wiedereinführung der Ziffernnoten 2018 zeigt, wie fixiert wir auf unsere und die Leistung anderer sind, sowie insbesondere auf die Differenz dieser beiden. Jede*r, der sich an seine Grundschulzeit zurückerinnert, kommt um das zänkische „Was hast denn du? Ich hab´ das und das“ nicht herum. Nostalgisch? Wohl kaum.

Schulnoten verursachen Stress - und die Kommentare anderer zu diesen noch viel mehr. Gerade in der Zeit der Matura wird einem dieser Fakt wieder extrem bewusst. Selbst mit dem Glück der Leichtigkeit des Lernens gesegnet, sah ich bei vielen Schulkolleg*innen den Stress des zwingenden Erreichens des Ausgezeichneten Erfolges. Kein Wunder, immerhin werden die meisten Maturafeiern auch so gestaltet, dass jede Leistung unter dem in den Himmel gelobten „Ausgezeichnet“ als nichtig angenommen werden könnten.

All diese Vorkommnisse sind Ausdruck der extremen Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Die Rede von LH Stelzer bei der Verleihung war ein Paradebeispiel für toxische Leistungsorientiertheit. Er wolle Oberösterreich wieder nach vorne bringen, in Österreich wieder zum bedeutenden Player der Industrie machen, stehend für Fortschritt und Entwicklung. Denn wohin man auch schaue, man werde global von allen Seiten überholt, ob es China oder der Westen sei: Österreich wäre nicht mehr am Podest der Bestplatzierten. Aber genau da gehörten wir anscheinend wieder hin und unsere Aufgabe als nun „reife“ Menschen wäre es, uns und damit Österreich wieder an die Spitze zu befördern.

Quelle: Land Oberösterreich

Es reicht also nicht mehr, „gut“ zu sein. Man* sollte mindestens „sehr gut“ sein, am besten „ausgezeichnet“. „Durch die ständige Spiegelung von Lernverhalten und Lernerfolg werde eine vom Leistungs- und Konkurrenzprinzip getragene Sicht der eigenen Person und der sozialen Beziehungen zwischen Schülern befördert“, so Ludwig Bilz, Autor des Buches „Schule und psychische Gesundheit“ und Professor für Pädagogische Psychologie an der TU Cottbus-Senftenberg, Brandenburg.

Er bestätigt auch, dass die Schule Einfluss auf die psychische Entwicklung von Kindern nimmt und dass diese Einflüsse vorrangig von Aspekten ausgehen, die mit Leistungserbringung und Konkurrenz in Verbindung stehen.

Besonders davon betroffen seien Mädchen, ergänzt die in der pädagogischen Forschung tätige Jana Grubert.

Die Schule, wie sie heute gelebt wird, bringt unsere Kinder also dazu, andere konkurrenzorientierter zu betrachten und von sich selbst oft das Unmögliche zu fordern. Dass das nicht gesund sein kann, braucht eigentlich keine Studie als Beweis. Was es hingegen braucht, sind Alternativen: Lernmethoden, Schultypen, Unterrichtspraktiken. Die Kindern freudig das Lernen lehren, anstatt ihnen bereits in viel zu jungem Alter einzubläuen, sie hätten später die unglaubliche Verantwortung, ihr Land „wieder groß zu machen“.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 13.04.2021 bearbeitet.

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