Crossing Europe: Der Unschuldige

Kultur & Events
Valentina Weiss / 27.04.2019
Crossing Europe

In seinem zweiten längeren Film „Der Unschuldige“ schafft der Drehbuchautor Simon Jaquemet eine Welt, in der Religion, Wissenschaft und Verbrechen aufeinandertreffen und im selben Moment wieder auseinanderklaffen. Beim Crossing Europe Filmfestival in Linz gibt es den Film zu sehen.

Ruth ist Labortechnikerin und arbeitet bei einer Firma, die Kopftransplantationen an Affen durchführt, um einen fremden Affenkopf mit einem fremden Körper zu verbinden. Dies gelingt ihnen zwar, jedoch muss der Affe sehr leiden und liegt gelähmt an Maschinen angeschlossen im Labor. Der starke Kontrast zu diesem wissenschaftlichen Bild findet sich bei Ruth zu Hause. Denn dort besteht ihre Welt aus Gottesdiensten in der Freikirche und Tischgebeten, begleitet von ihrem strenggläubigen Mann und dessen Freunden. Als Ruth ihren ehemaligen Verlobten Andi trifft, der 20 Jahre wegen Raubmordes im Gefängnis war, gerät ihre Welt aus den Fugen. War er damals wirklich schuldig? Was möchte er von ihr? Ruths Umfeld merkt bald, dass etwas nicht in Ordnung ist und beginnt auf sie einzureden. 

Wie aus dem Nichts sitzt ihre große Angst und Liebe eines Tages auf ihrem Sofa und es ist, als ob es nie anders gewesen wäre. Doch die Begegnung bringt Ruths Leben nur weiter ins Schleudern und setzt ihr immer mehr zu. Ihr Mann und der Priester ihrer Kirche reden vehement auf sie ein, sie möge doch sagen, was los sei, denn Jesus wäre bei ihr und beschütze sie. Doch Ruth schweigt weiter. Irgendwann schafft sie es, ihrem Mann zu gestehen, dass sie ihn betrogen hat. Mit Andi. Doch dieser ist mehr verwirrt als wütend denn Andi ist bei einem Zugunglück in Indien ums Leben gekommen. Mit wem hat Ruth geschlafen? Die Kirchengemeinschaft ist davon überzeugt, dass es der Teufel war. Kann sie sich aus den Klauen des Teufels befreien? Oder aus den Klauen der Kirche? Wie wird es dem Affen ergehen, dessen Leiden sie auch nicht mehr ertragen kann? 

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Simon Jaquemet geht in seinem Film gekonnt auf strenge Religiosität ein und erzählt mit „Der Unschuldige“ eine Geschichte einer psychisch labilen Frau und wie die Kirche ihr zu „helfen“ versucht. Er stellt der Wissenschaft, die einen Affen künstlich am Leben zu halten versucht, um den großen Durchbruch in der Medizin zu schaffen, einen Kontrast an die Seite, in dem allein Jesus und Gott Macht über die Menschen haben.

Doch was wollte der Autor und Regisseur wirklich mit dem Film bewirken? Ich habe ihn getroffen und brisante Details erfahren:

Was war Ihre Intention, diesen Film zu drehen?

Ich glaube, es gibt nicht eine Hauptintention. Es gibt einfach ein paar Dinge, die mich interessiert haben und mich auch länger beschäftigt haben. Ich habe eher intuitiv gearbeitet. Beim Schreiben ist mir klar geworden, der Film dreht sich sehr um Glauben. Aber nicht nur um den religiösen Glauben, sondern eher im Allgemeinen. Um die Frage, was unsere Realität ausmacht. Dass die Realität eigentlich viel mehr mit Glauben zu tun hat als mit Wissen. Das macht auch der Film mit dem Zuschauer. Man wird mit Dingen konfrontiert, die man nicht ganz durchschaut, die man dann glauben muss. Und ich glaube, das passiert auch mit religiösen Menschen. Sie versuchen auch, auf die unbeantwortbaren Fragen des Lebens mit Glauben zu antworten.

Wie lange hat der Entstehungsprozess des Films gedauert?

Intensiv gearbeitet habe ich 3-4 Jahre. Die Grundidee hatte ich bereits vor cirka 10 Jahren. Aber vom intensiven Schreiben bis der Film fertig war, waren es ca. 1,5 Jahre.

Warum machen Sie beim Crossing Europe Festival mit?

Ich wurde eingeladen. Aber ich finde, es ist ein super Festival und ich bin bereits zum 2. Mal hier.

Welche Themen wollen sie mit ihrem Werk kritisieren? 

Ich möchte eigentlich nicht direkt kritisieren. Es geht mir eher darum, Meinungen, die man hat, aufzurütteln und in Frage zu stellen. Das Lustige ist ja, dass bei Leuten, die gar nicht religiös sind und bei religiösen Menschen, also bei beiden eine Verwirrung entsteht.  Ihre Meinungen werden in Frage gestellt. Das finde ich spannend an Filmen. Wenn diese eher Meinungen aufrütteln. Denn ich glaube gerade heutzutage werden eher Filme produziert, die schon klare Meinungen vorgeben und versuchen, dich zu manipulieren. Deshalb finde ich es wichtig, vor allem bei Filmen, dass das nicht gemacht wird. Es sollte eher angeregt werden, sich selbst eine Haltung zu bilden.

Warum verwenden Sie fast keine Musik in Ihrem Film?

Ich mache das eigentlich immer so. Ich mag Musik und ich könnte es auch. Ich weiß wie es geht, mit Musik Emotionen zu triggern. Aber ich finde eher, dass das ein manipulatives Element ist. Eigentlich will ich die Zuschauer mit den Szenen, mit einer geschlossenen Welt mitnehmen, und nicht ein externes Element hinzufügen. Das ist auch oft so wie eine Hilfe, wie man das, was man sieht, dann emotional einordnen soll. Vielleicht werde ich es aber einmal versuchen, aber ich habe es bis jetzt versucht, zu vermeiden. 

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Simon Jaquemet (c) Valentina Weiss

Sie greifen kontroverse Themen wie Teufelsaustreibung, Kriminalität, Sex, Religiosität auf. Beim Versuch den Teufel aus Ruth zu bekommen, haben Sie das Bild eines Schwimmbades geschaffen, das sich im Hinterzimmer eines Clubs befindet. Was hat es damit auf sich? Was bewegt einen tiefreligiösen Mann mit seiner Frau eben dieses Pool aufzusuchen?

Es ist für mich wie der Abstieg in die Hölle. Und das ist auch die Fantasie des Mannes. Er muss mit ihr in den Kern der Sünde gehen, damit sie sich dort von dem Dämon befreien kann. Das ist auch der Gedanke von mir als Autor. Dass es immer weiter runter geht in dieser Leere.

Wie haben sie die Szenen mit den Affen gedreht? Sind das echte Affen? 

Lustigerweise ist es sogar ein österreichischer Affe. Ein Filmaffe aus Wien, der einige Szenen gemacht hat. Der war sehr gut betreut. Der Trainer war immer dabei. Dieser war auch der Schauspieler, der die Szenen mit dem Affen gedreht hat. Der Rest ist natürlich eine Mischung aus Puppen und Digitaltricks. Die digitalen Tricks sind sehr spannend, aber auch sehr aufwändig. Der Techniker hat fast ein Jahr dafür gebraucht. Wir haben aber versucht, so viele Szenen wie möglich mit dem echten Affen zu drehen. Der Dreh mit ihm war super streng. Von der Crew durfte ihn niemand berühren oder ansehen, weil er sich sonst bedroht gefühlt hätte. Aber ja, der Affe ist echt. Er hat in den Szenen schon so reagiert, wie er eigentlich reagieren würde. Aber ich glaube, er weiß auch irgendwo, das ist nicht so ganz echt, denn er weiß, dass das sein Chef ist, der das macht und dem vertraut er. 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 18.11.2019 bearbeitet.

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