Es menschelt

Leben
Lizanne Daniel / 04.07.2018
ziegen streit

Die folgende Geschichte reißt ein Kapitel an, das sich mit an absolute Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in jedem Leben findet. Oft erstreckt es sich über viele Seiten, manchmal sind es nur einige Zeilen und selten verweist lediglich eine Fußnote darauf. Es ist eine Geschichte, die von Kehrseite und Zweitfarbe erzählt. Sie spielt zu jeder Zeit, in jedem Menschen, auf allen Kontinenten und in jeder Kultur. Zweifellos hat jedes Kapitel seine Berechtigung, denn nur alle gemeinsam verdienen die Bezeichnung Buch. Und doch ist dies eine jener Stellen, die man ungern aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegen lässt. Niemand ist stolz darauf, und genau das ist wohl auch das Verheerende daran. Die Seite verschwindet mit einem schnellen wütenden Umblättern aus dem Blick, doch die Druckerschwärze bleibt. Um uns dem zu stellen, was wir hinter gespielter Gleichgültigkeit zu verbergen glauben, braucht es den Mut, zum Anfang zurückzukehren und uns selbst ein paar Fragen zu beantworten.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie energisch die Tür aufreißt und hereingestapft kommt. Sie hält kurz inne, ihr Blick wandert über die Tische. Es ist nur eine Frage der Zeit … Ah! Da hat sie uns schon entdeckt. Mir bleiben noch etwa fünf Sekunden. Ich biege meine Mundwinkel mühsam nach oben und versuche sie angestrengt dort zu halten. Es fühlt sich verlogen und falsch an. „Ein echtes Lächeln ist nur dann ein solches, wenn auch die Augen mitlachen“ - habe ich irgendwo gelesen. Also bemühe ich mich, diese leicht zusammenzukneifen – gibt es etwas Sympathischeres als Lachfalten? – und dabei das Grinsen nicht wieder zu vergessen.

So sitze ich also auf meine sympathischen Falten konzentriert da und wappne mich mental für die bevorstehende Konversation. Und dabei frage ich mich zweifelnd, wie lange ich meine gewissenhaft ausgetüftelte Mach-gefälligst-ein-freundliches-Gesicht-Maske wohl halten kann.

Die ersten Worte fliegen über die Tischkante zu mir herüber, und noch bevor mein Denken ihren Sinn erfassen kann, sind all die guten Vorsätze dahin. Ich kann nur noch meine Backenzähne mit aller Kraft aufeinander pressen, um zu verhindern, dass meine Zunge gleich mit etwas Unüberlegtem herausplatzt, von dem ich ahne, es in der nächsten Sekunde zu bereuen.

Der Startschuss ist gefallen. Ich quäle mich durch Fragen ohne Interesse, durch Antworten ohne Tiefe. Durch geheuchelte Zustimmung und sadistische Provokation. Sie gießt langsam ihre in blinder Überzeugung getränkten Worte zwischen uns. Worte, die an meiner Geduld reißen und an meinen Nerven zerren. Farbe, Stimmung und Ton kippen. Ich verabscheue das Gefühl, mich an ihren Sätzen und Gesten zu stoßen und dabei meine eigenen Grenzen zu spüren. Grenzen, die mich daran hindern, sie an der Hand zu nehmen und herauszuholen. Weg von den Quellen, die Frustration und Verbitterung in sie hinein und aus ihr heraus sprudeln lassen. Es gelingt mir nicht, ihren Redefluss zu stoppen und ihn umzuleiten in sanftere Gewässer. Diese Grenzen machen mich zu einer Gefangenen wie sie es ist. Ihre Anwesenheit ist dieser leise Windhauch, der die Glut in mir zum Flackern bringt. Und während ich urteile, werde ich langsam zum Gegenstand meiner eigenen Kritik.

Später, wenn der zornige Kreisel in mir langsamer wird, der Schwindel und sein Brennen nachlassen, dann blicke ich zurück und bin nicht mehr Künstlerin, die ihre grellen Farben an die Leinwand wirft, sondern neutrale Besucherin, die das fertige Kunstwerk nachdenklich betrachtet. Das ist jener Moment, in der Wut Enttäuschung weicht. Enttäuschung darüber, ihre Aggression als Echo zurückgeworfen zu haben, mit dem einzigen Ziel, ihre Schreie zu übertönen anstatt sie in leiser Umarmung zu ersticken. Vor allem aber macht es mich traurig, zu erkennen, dass diese Art von Miteinander das Grau in unserem gemeinsamen globalen Kunstwerk ist und die Idee Weltfrieden statt Wirklichkeit zur Utopie werden lässt.

Der Zorn ist verebbt. Was bleibt ist der Wunsch, ihr und mir selbst jetzt und bis in alle Ewigkeit zu verzeihen.

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 16.11.2018 bearbeitet.

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