Deutsche Weihnacht 1940 – ein Stück Propaganda

Politik
Karla Arzberger / 21.12.2016

Ich fürchte mich eigentlich vor ziemlich vielen Dingen auf der Welt. Ich bin mir sicher, ihr kennt das Gefühl, wenn man etwas sieht oder hört, dass einem einfach nur Gänsehaut bereitet. Genau so erging es mir heute, als ich begonnen habe, für diesen Artikel zu recherchieren. Für mich ist das mit der Angst so eine Sache: Wenn ich etwas ansehe, das mir Angst macht, dann verfolgt mich das noch über lange Zeit hinweg. Demnach glaube ich, dass mich diese Tonspur noch einige Tage beschäftigen wird. Wenn ihr euch jetzt fragt, von was zur Hölle ich da eigentlich spreche: Man findet heute noch im Internet, teilweise auf YouTube, Überbleibsel der sogenannten „Weihnachtsringsendungen“, welche die Nazis inszenierten, um den Hörern und Hörerinnen des Programms Sicherheit und Frieden zu vermitteln, Zusammenhalt, wenn man so möchte. Es handelt sich dabei um eine Radiosendung, die gut 60-90 Minuten dauerte und der „Verbindung von Front und Heimat“ an Heilig Abend dienen sollte, indem in die Sendung Grüße der Soldaten (angeblich direkt von der Front aus) eingespielt wurden und die Sendungen meist in einem Chor enden, in welchem alle Soldaten gemeinsam, gen ihre räumliche Trennung, Weihnachtslieder singen.

 

Das Tondokument, das mich mehr eingeschüchtert hat als jeder Horrorfilm den ich jemals gesehen habe (und ich bin sehr leicht einzuschüchtern) sind die letzten 4 Minuten der „Weihnachtsringsendung“ vom 24.12.1942. Der Tonausschnitt ist immer noch im Internet zu finden. Dergleichen wurde auch in den Jahren 1940 bis 1943 ausgestrahlt und enthielt Grüße von auserwählten Soldaten und Berichte über den Erfolg an der Front, über die Erfolge der deutschen Soldaten. Inszeniert wurde das Spektakel von der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft. Die Serie des ersten Jahres trug den Titel „Deutsche Weihnacht 1940 – 90 Millionen feiern gemeinsam – 40 Mikrophone verbinden Front und Heimat“. (Familie vor VE301)

 

„Jetzt haben sich Front und Heimat versammelt, wie sich eine einzige große und glückliche Familie an einem solchen Tage versammeln mag, froh und zuversichtlich. Und nun feiern wir wirklich gemeinsam die ‚Deutsche Weihnacht 1940‘. (…) Weihnachtliche Klänge dringen an unser Ohr. – ‚Deutsche Weihnacht‘ ist es jetzt vom Polarkreis bis zum fernsten Süden, vom Atlantik bis zum Ostraum, auf See und über See und in fremden Erdteilen. – Wachsame, wehrhafte und trotz allem wundervolle Weihnacht.“ - Studiosprecher Werner Plücker, „Erfinder“ der Ringsendung.
Solche Zitate schüchtern mich immer besonders ein. Das Schlimmste an der Sache für mich ist, mit welch positiver Stimmung hier ein Propagandaapparat beschrieben wird und wie immens die Zuschauer manipuliert werden. Diese haben ja prinzipiell keine andere Wahl als zuzuhören und zu Hoffen. Zu Hoffen, dass das, was sie da hören, die Soldaten die ihre Stimmen angeblich von der Front her erheben, dass diese wohl auf sind und es ihnen tatsächlich gut geht.

Gehört wurde das Weihnachtliche Propagandaspektakel über den sogenannten „Volksempfänger“. Den Spitznamen „Goebbels Schnauze“ hat sich das Gerät wohlverdient, da es als eines der wichtigsten Propagandainstrumente des Reichspropagandaministers Joseph Goebbles diente. Das erste Modell des Radiogeräts erhielt übrigens die Bezeichnung VE301: VE für Volksempfänger, 301 als Erinnerung an den 30. Januar 1933, den Tag der Machtergreifung Hitlers. Wenn alleine schon die Bezeichnung des Ausstrahlungsgeräts Gänsehaut bereitet.

 

(c) www

Was war nun genau die Absicht hinter diesen Ausstrahlungen? Dr. phil. Dominik Schrage, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie in Dresden, hat sich in seiner Veröffentlichung „Singt alle mit uns gemeinsam in dieser Minute. Sound als Politik in der Weihnachtsringsendung 1942“ ausführlichste mit diesem Thema beschäftigt. Er beantwortet diese Frage (in seinem Abstract) folgendermaßen: „In der NS-Weihnachtsringsendung von 1942 ging es nicht um tagespolitische Ziele und Inhalte. Vielmehr war die Radiosendung eine imposante mediale Inszenierung der NS-Propaganda-Maschinerie, die den Zuhörern und Zuhörerinnen an den Fronten und in den deutschen Wohnzimmern das ideologisch geprägte Gemeinschaftserlebnis einer gigantischen Weihnachtsfeier vorgaukelte. Dabei signalisierten die akustisch zugeschalteten Frontabschnitte (Stalingrad, Mittelmeer, Krim, Liinehamering usw.) die geopolitische Unterwerfung dieser Länder und Regionen unter das militärische Diktat des nationalsozialistischen Staates und seines Herrschaftsanspruchs. So vermittelten beispielsweise Rauschen und Knacken in der Leitung oder unterbrochene Verbindungen den Eindruck von Authentizität. Im vorliegenden Text analysiert der Autor, wie die Macher dieser Sendung gezielt auf Mittel des Hörspiels und der Reportage zurückgriffen, um in der Vorstellung der Hörer die Größe der eroberten deutschen Gebiete entstehen zu lassen. Der „Sound" als solcher wird so zum Politikum.“

 

Ob die Weihnachtsringsendung als Livesendung authentisch gewesen ist, wurde durchaus immer wieder bezweifelt. Gerüchten zufolge wurden die Meldungen der Außenposten von den Fronten im Studio produziert, oder es wäre auch durchaus plausibel, dass die Meldungen zwar in der Tat über größere Entfernungen gesendet, dann aber aufgezeichnet und zusammen geschnitten worden sind (also nicht wie behauptet live zugeschaltet).

Ob also wirklich die Stimmen von Soldaten an den Fronten in die deutschen Wohnzimmer sprachen oder nicht, wissen wir nicht mit 100 prozentiger Sicherheit. Wie dem auch sei, ob authentische Stimmen oder nicht, beunruhigend, für mich fast verstörend, grotesk; das sind sie alle mal.

 

Ein weiteres interessantes Detail ist, dass für die Weihnachtsringsendung des Jahres 1941 ein Gedicht verfasst wurde, welches kurz und propagandistisch den Inhalt der Sendung mit Grüßen zwischen Soldaten und Angehörigen schildert. Wieder: Pure Manipulation. Das Schlimme (Soldaten in den Schützengräben) ins Positive wenden (sie sprechen und grüßen lassen) und das dann auch noch verharmlosen und in ein Gedicht umwandeln, wo Gedichte doch für Kunst, Ausdruck des Individuums und geistige Freiheit stehen. Paradox.
 

Ich finde es auf eine gewisse Art und Weise wichtig zu reflektieren und immer wieder zu erinnern. Daran zu erinnern, dass es Jahre gab, an welchen sich die Menschen nicht massenweise über totgespielte Weihnachtssongs aufgeregt haben oder sich gewünscht hätten, ein lustiges Weihnachtsgewinnspiel zu gewinnen. Dass es Jahre gab, in welchen nicht (un)lustige Gesellen vor den Mikrofonen der Radiostation saßen, sondern das Propagandaministerium. Dass es schier und einfach Jahre gab, in denen es wirklich nicht um Geschenke ging, sondern um das Hoffen auf Gesundheit, Gerechtigkeit und das Wohlbefinden der Familien. Schade, dass es Ereignisse wie Kriege braucht um den Mensch wachzurütteln und ihn an die essentiellen Dinge im Leben zu erinnern.

 

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Jugendportal.at wurde zuletzt am 16.11.2018 bearbeitet.

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